Alfred Kurella redivivus

„Mit den einfachen Schlussfolgerungen, die Uexküll aus seinen umfangreichen Tierbeobachtungen zog, hat er die Wissenschaft um bedeutende Erkenntnisse bereichert, ohne allerdings imstande zu sein, ihre tiefere Bedeutung zu erfassen. Seine Primär-Erkenntnisse werden aber sofort fruchtbar, wenn man sie mit der grundsätzlichen Verschiedenheit in Verbindung setzt, die das Verhältnis des Tieres einerseits und des Menschen andererseits zur Gesamtheit der natürlichen Erscheinungen kennzeichnen. Der Begriff des `Welt-Habens´ oder der `Weltoffenheit´ spiegelt in idealistischer Verzerrung die einfache Tatsache wider, dass der Mensch eben dank der von ihm durch Arbeit geschaffenen künstlichen Umwelt im Gegensatz zum Tier mit der gesamten gegeben Natur universell verbunden ist und darauf seine Besonderheit bezieht, die dynamisch ist, das heißt sich ständig aus ihrer Betätigung heraus weiterentwickelt. Portmann und Teilhard de Chardin gehen in dieser Frage weiter, indem sie für den Prozess des Hinauswachsens des Menschen aus der Tierwelt das Lernen herausstellen, für das sie als Substrat jedoch nur die `Sozialwelt´ kennen, wobei dieses Lernen bei ihnen eine ontogenetische Kategorie ist.
Die These von der künstlichen Umwelt versucht eine neue Lösung des Problems: Durch die Arbeit (immer einschließlich der durch sie entstehenden Produkte) und die mit ihr verbundenen Begleiterscheinungen wie Sprache, Produktionsbeziehungen, gesellschaftliche Eigenschaften entsteht eine komplexe Zwischenwelt, deren Hauptbestandteil die materielle, sinnliche, greifbare künstliche Umwelt des Menschen ist. Gerade die Betrachtung des sogenannten `Lernprozesses´ im Säuglingsalter und in den ersten zehn Lebensjahren des Menschen zeigt, dass nur ein kleiner Teil dessen, was Portmann `lernen´ nennt und wodurch tatsächlich die spezifischen Eigenschaften des Menschen ontogenetisch übertragen werden, durch geistige Tätigkeit bewusst, das heißt über die Sprache als Kommunikationsmittel geschieht. Der weitaus größere Teil wird dem jungen Menschen, besonders aber dem noch nicht sprechenden Säugling, durch un- oder halbbewusste aktive Wechselbeziehungen mit den materiellen, sinnlich unmittelbar fassbaren Seiten der Außendinge, das heißt durch eben das vermittelt, was wir künstliche Umwelt nennen.“

„Die Bücherregale und Manuskriptschränke meines Zimmers enthalten Schätze, die ich in keinem anderen Lande der Welt heute so leicht hätte erwerben und so gut hätte verstehen lernen können wie in der Sowjetunion, Schätze, ohne die ich mir gegenwärtig meine geistige und künstlerische Bildung nicht mehr vorstellen könnte. Es sind das die Bücher und Zeitschriftenaufsätze (meist in russischer, aber auch – in älteren Ausgaben der Russischen Akademie der Wissenschaften – in deutscher, französischer und englischer Sprache), die die Geschichte, Kultur und Literatur der transkaukasischen und mittelasiatischen Republiken der Union zum Gegenstand haben, sowie aus Vergangenheit und Gegenwart die historischen und literarischen Texte dieser Völker selbst, teils in Buchausgaben, teils in Manuskripten der Ursprache mit sorgfältigen Interlinearübersetzungen ins Russische oder phonetischen Transkriptionen der Gedichtanfänge, die das Eindringen in die Klangwelt der fremden Dichtungen ermöglichen.
Man könnte sagen, das sei etwas für einen raffinierten Schriftsteller und Liebhaber exotischer orientalischer Genüsse. Aber dem ist nicht so – hier handelt es sich um viel mehr. Die fortschreitenden Bekanntschaft mit diesem historischen, kulturellen und künstlerischen Neuland, die angeregt wurde durch beiläufige Zeitungsnotizen und -aufsätze und durch gelegentliche Reisen in den Kaukasus und nach Mittelasien, ließ mir klar werden, wie einseitig und eng das Bild der allgemeinen und der Kulturgeschichte ist, das uns die durchschnittliche und selbst spezielle Schul- und Hochschulbildung des Westens vermittelt. Die Entdeckung der jahrtausendealten Kulturgeschichte Armeniens, der Blüte der Kultur und Kunst Georgiens im frühen Mittelalter, der mittelasiatischen Renaissance unter der Herrschaft der Timuriden, des Kiewer Reiches und vieler anderer Momente der Entwicklung der Völker, die heute zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gehören, die Bekanntschaft mit den Denkmälern der Wissenschaft, Literatur, bildenden Kunst, Architektur und Musik aus diesen Epochen der Menschheitsgeschichte; die Beobachtung schließlich, dass die Kulturwerte einer großen Vergangenheit in viel höherem Maße als irgendwo in Westeuropa trotz Fremdherrschaft, innerer Wirren, nationaler und kultureller Unterdrückung in den Volksmassen lebendig geblieben sind, ja zum Teil heute noch als mündliche Tradition fortleben – alles das gab mir zunächst die Freunde, die jede neue Erkenntnis mit sich bringt, und vermittelte ungekannte ästhetische Genüsse. Aber darüber hinaus wurde ich gezwungen, mein aus der westeuropäischen klassischen Bildung stammendes Geschichtsbild zu revidieren. Die landläufige Vorstellung von der `Hauptstraße´ der Menschheitsgeschichte, die annähernd durch die Linie: Alter Orient – Hellas – Rom – Germanische Barbarenreiche – Heiliges Römisches Reich deutscher Nation –Europäische Nationalstaaten – Europäische Imperien gebildet wird, ist zum mindesten einseitig. Parallel zu der im genannten Schema angedeuteten Entwicklung der Geschichte und Kultur hat sich ein anderer Prozess vollzogen. Die Kultur des alten Orients und Hellas´ hat – über den Hellenismus und Byzanz – in Nahen Osten, in Transkaukasien, den slawischen Ländern und Mittelasien eine eigene und eigenartige Fortsetzung gefunden. Sie ist dabei in ständigem, befruchtenden Austausch sowohl mit dem `Westen´ (in viel höherem Grade, als wir bisher wussten) als auch mit den zwei großen Kulturkreisen des Fernen Ostens, mit Indien und China, geblieben. (um nur ein Beispiel zu nennen: in den Mittelasiatischen Volks- und Kunstepen, die in meinen Schränken liegen, stehen chinesische Weise und Baumeister mit Sokrates, Alexander dem Großen und den Kaisern von Rumi [Rom] als Helden gleichberechtigt nebeneinander!) Alle diese Länder und Völker haben in den verflossenen tausend und einigen Jahren – gewiss unterbrochen durch Rückschläge, barbarische Unterdrückung und Epochen `weltgeschichtlichen Schlafs´  – ihre eigene und eigenartige Geschichte und Kulturgeschichte durchlebt und der Menschheitskultur unschätzbare Werte gegeben. Die bei uns übliche Vorstellung (die selbst dem große Humanisten Herder nicht fremd war und die bei Hegel ganz krass ausgebildet ist), die Vorstellung, nach der während der letzten tausend Jahre `europäischen Fortschritts´ alles was östlich der Linie Kurland – Byzanz liegt, in einem formlosen, geschichtslosen Nebel untergetaucht bleibt, ist grundfalsch.“

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